Ode on Melancholy 忧郁颂

Heute ist meine Auswahl von Keats’ Gedichten angekommen. Ein Grund, sie zu kaufen, war, dass ich in Sweet Bitter eine Zeile aus der Ode on Melancholy gesehen habe: 隐藏的“忧郁”有她至尊的神龛 („Verhüllte Melancholie hat ihr erhabenes Heiligtum“). Ein weiterer Grund waren das unvollendete Langgedicht Hyperion und die Tatsache, dass Keats selbst durch alle vier Bände von Die Hyperion-Gesänge hindurch präsent ist. Schon lange habe ich mich danach gesehnt, und so habe ich heute diese Ode on Melancholy abgeschrieben. Die chinesische Übersetzung stammt von Tu An.

Ode on Melancholy

I

No, no, go not to Lethe, neither twist

  Wolf's-bane, tight-rooted, for its poisonous wine;
     
Nor suffer thy pale forehead to be kissed

  By nightshade, ruby grape of Proserpine;

Make not your rosary of yew-berries,

  Nor let the beetle, nor the death-moth be

    Your mournful Psyche, nor the downy owl

A partner in your sorrow's mysteries;

  For shade to shade will come to drowsily,

    And drown the wakeful anguish of the soul.

II

But when the melancholy fit shall fall

  Sudden from heaven like a weeping cloud, 

That fosters the droop-headed flowers all,

  And hides the green hill in an April shroud;

Then glut thy sorrow on a morning rose,

  Or on the rainbow of the salt sand-wave,

    Or on the wealth of globed peonies;

Or if thy mistress some rich anger shows,

  Imprison her soft hand, and let her rave,

    And feed deep, deep upon her peerless eyes.

III

She dwells with Beauty—Beauty that must die;

  And joy, whose hand is ever at his lips

Bidding adieu; and aching Pleasure nigh,

  Turning to poison while the bee-mouth sips:

Aye, in the very temple of Delight

  Veiled Melancholy has her sovran shrine,

    Though seen of none save him whose strenuous tongue

  Can burst Joy's grape against his palate fine;

His soul shall taste the sadness of her might,

  And be among her cloudy trophies hung.

Ode an die Melancholie

I

Nein, nein, geh nicht zum Lethe, dreh auch nicht

  Den Eisenhut, tiefwurzelnd, zu gift'gem Wein;

Lass nicht dein bleich Gesicht vom Nachtschatten küssen,

  Der Proserpina rubinrote Traube sein;

Mach nicht aus Eibenbeeren deinen Rosenkranz,

  Lass Käfer nicht, nicht Totenschmetterling

    Dein traurig Psyche sein, nicht flaumig Eule

Teilhaber deines Kummers Geheimnis sein;

  Denn Schatten naht dem Schatten schläfrig sich,

    Und ertränkt der Seele wache Qual und Pein.

II

Doch wenn der Melancholie Anfall fällt

  Plötzlich vom Himmel wie ein weinend' Wolke,

Die alle hängenden Blumen nährt und hält,

  Und grüne Hügel in Aprils Hülle hüllt;

Dann sättige dein Leid an einer Morgenrose,

  Oder am Regenbogen salz'ger Sandeswelle,

    Oder am Reichtum kugelrunder Pfingstrosen;

Oder zeigt deine Herrin reichen Zorn zur Stelle,

  Fang ihre weiche Hand, lass sie sich ausweinen,

    Und nähre tief, tief dich an ihren einzig' Augen.

III

Sie wohnt bei Schönheit – Schönheit, die vergeht;

  Und Freude, deren Hand stets an den Lippen weilt,

Lebwohl zu sagen; und bei schmerzhaft Lust, die steht

  Bereit, zu Gift zu werden, wenn der Bienenmund sie teilt:

Ja, in des Wonnentempels heiligem Raum

  Hat sich verhüllte Melancholie ihr höchstes Heiligtum,

    Gesehen nur von dem, dessen angestrengte Zung'

  Der Freude Traube an dem feinen Gaumen sprengt;

Seine Seele wird die Traurigkeit von ihrer Macht erschmecken,

  Und unter ihren wolk'gen Trophäen hängen bleiben.

/John Keats/