Drei Jahre ohne Fortschritt

Seit dem gestrigen Schneefall ist es in ganz Xi’an doppelt so kalt geworden. Doppelt so kalt bedeutet, dass man doppelt so dicke Kleidung tragen muss

2016.11.22 Der kleine Weg östlich des Hauptgebäudes A im Schnee

Ein gestohlenes Bild, um das Thema dieses Beitrags zu untermalen. Warum ich diesen Titel gewählt habe? Weil ich heute nach dem Abendessen auf dem Rückweg vom Kantinenbrücke zum Labor von der Szenerie berührt wurde und meine Gefühle ausdrücken wollte.

Der größte Schneefall seit Studienbeginn (wirklich?)

Eigentlich war der Schneefall am 31. Januar dieses Jahres heftiger.

Vorgestern Nacht habe ich im Labor übernachtet. Da es dort Heizung, Klimaanlage und alles Nötige gibt und wir fast nie die Fenster öffnen, war es sehr warm. Nur als ich auf die Toilette ging, schien es etwas kälter als sonst, aber es war dunkel und ich dachte mir nichts dabei.

— Erst als ich am nächsten Morgen verschlafen vor Kälte aufwachte, dämmerte mir langsam, dass es geschneit haben musste. Es schneite den ganzen Tag, bis es gegen 23 Uhr abends endlich aufhörte.

Leider hatte ich die Nacht im Labor verbracht, um eine Deadline für heute Mittag einzuhalten. So verbrachte ich den Tag des Schneefalls den ganzen Tag im Raum, bis ich abends die Arbeit erledigt hatte und beschloss, für eine Nacht ins Wohnheim zurückzukehren. Die Verkäufer von Nachtimbissen verdienen großen Respekt, dass sie bei solcher Kälte noch ihren Stand aufbauen. Also unterstützte ich ihre Arbeit ein wenig.

So habe ich die wunderschöne Schneelandschaft einfach verschwendet verpasst.

Interessanter als der Schnee sind die begeisterten Kinder aus dem Süden

Der obige Satz ist scherzhaft gemeint.

Ich persönlich liebe es, Gedanken und Gefühle auszudrücken, bin schnell von einer Szene berührt und muss dann meine Empfindungen kundtun.

Letztes Jahr wurde ich von Kommilitonen zur Großen Wildganspagode gerufen. Nachdem der Musikbrunnen aufgehört hatte, leerte sich der zuvor überfüllte Platz schnell. Als ich die alte Pagode betrachtete, überkam mich Rührung: Sie steht hier schon tausend Jahre still, im Vergleich dazu ist ein Menschenleben wirklich so kurz. Und einsam wie der Schnee Plötzlich schlug mir die Schwere der Geschichte entgegen, und ich war schockiert und kostete die überflutenden Emotionen aus.

Wir werden von einer Szene berührt, wahrscheinlich weil etwas in uns bewegt wird. Marco Polo erzählte Kublai Khan bei der Beschreibung der Stadt Phyllida:

Wenn du einen von zwei Bogengängen angenehmer findest, dann deshalb, weil vor dreißig Jahren ein Mädchen in einem bestickten Rock und weiten Ärmeln dort vorbeiging, oder weil das Licht in diesem Bogengang zu einer bestimmten Stunde dich an einen Bogengang an einem anderen Ort erinnert.

Wie ein Zuschauer, der das Leben anderer betrachtet

An jenem Tag war ich danach sehr traurig. Warum?

Ich rede zu gerne groß, spreche über Leben und Ideale, das ist sehr befriedigend! Es ist natürlich bequem und frei, sich gemütlich in ein Café zu setzen und hochtrabend über Vergangenheit und Gegenwart zu philosophieren und zu klagen. Aber wenn man danach nicht wie Shi Wen beim Lernen der Laute es im Herzen versteht und es auf das Instrument überträgt, dann treibt man nur Müßiggang. Ich möchte auch wie Zhu Ziqing sagen: Ich bin dieses Jahr zwanzig Jahre alt, wirklich allzu klug.

Ohne auch nur ein bisschen Substanz, was gibt es da schon zu besingen? In der Oberstufe mochte ich es, das Land und das Bildungssystem zu beschimpfen, sie als Fabriken zu bezeichnen, die eine Charge von Idioten am Fließband produzieren. Doch bei näherer Betrachtung: Als solch ein Wutbürger zu agieren, ändert solche Rhetorik das Land und das Bildungssystem kein bisschen. Das Einzige, was sie bewirkt, ist, Unzufriedenheit abzulassen, um dann weiter im Meer des Leids zu treiben, mittelmäßig vor sich hin zu leben und zu einem der oben genannten Idioten zu werden.

Nachdem Polo alle von ihm bereisten Städte beschrieben hatte, fasste er für den Khan zusammen:

Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das noch kommt; wenn es eine gibt, ist es die, die schon hier ist, die Hölle, in der wir täglich leben, die wir zusammen bilden. Es gibt zwei Wege, sich nicht zu quälen. Der erste gelingt vielen leicht: die Hölle akzeptieren und so sehr ein Teil von ihr werden, dass man sie nicht mehr sieht. Der zweite ist riskant und erfordert dauernde Wachsamkeit und Lernen: im Herzen der Hölle zu suchen und zu erkennen, was nicht Hölle ist, und es bestehen zu lassen, ihm Raum zu geben.

Eigentlich stammen beide obigen Absätze aus dem Mund von Calvino, der sie Polo in den Mund legt.

Die Größe einer Universität liegt in ihrer Kultur

Das ist ein Satz von Lu Xun, den mein Chemielehrer in der Oberstufe zitierte.

John Henry Newman, Bischof von Oxford und Initiator der Oxford-Bewegung, sagte in seiner berühmten Rede “The Idea of a University”:

Meine Herren, wenn ich zwischen einer Universität wählen müsste, die aus Lehrern besteht, die Credits vergeben, damit man abschließen kann, und einer, die keine Professoren und Prüfungen hat, in der junge Menschen drei oder vier Jahre zusammenleben und voneinander lernen – ich würde ohne Zögern Letztere wählen… Warum? Ich denke so: Wenn viele kluge, wissbegierige, mitfühlende und scharfsinnige junge Menschen zusammenkommen, können sie auch ohne Lehrer voneinander lernen. Sie tauschen sich aus, lernen neue Gedanken und Ansichten kennen, sehen neue Dinge und entwickeln ein einzigartiges Urteilsvermögen für ihr Handeln.“

Obwohl die Xi’an Jiaotong-Universität dem ersten System folgt, strahlt hier mehr oder weniger der Glanz des letzteren Systems.

Nach dem Abendessen verließ ich die Kantinenbrücke und hauchte ein paar Atemzüge in die kalte Luft. Obwohl es kalt war, war gerade Essenszeit, und der Eingang der Mensa war sehr belebt, aus den Lautsprechern erklang sanfte Musik. Als ich durch die Menge ging und immer wieder Gesprächsfetzen aufschnappte – einige diskutierten ihre neuesten Forschungsschwerpunkte, andere stritten über ein Problem der Mechanik, wieder andere sprachen über das Design von irgendetwas –, überkam mich eine gewisse Rührung. Schließlich wurde mir bewusst, dass die meisten der Menschen vor mir zukünftige Künstler, Wissenschaftler und Ingenieure sind.

Obwohl es nach dem heftigen Schneefall die Zeit des Verwelkens war, sah ich eine nie dagewesene Lebendigkeit und Vitalität.

Glücklich im höchsten Maße, singend preise ich meinen Willen.

Nachwort

Ich, der die Deadline überlebt hat, atmete erleichtert auf und schrieb diesen Beitrag.

/Gedanken/